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Recht auf Bildung für alle

Die Ökonomisierung der Bildung schreitet voran


Nach langen Jahren der Diskussionen um die Wiedereinführung von Studiengebühren ist es jetzt wohl soweit: In Form von so genannten Studienkonten sollen Studiengebühren nun auch in NRW eingeführt werden. Aber diese sind nur die Vorboten einer grundlegenden Umgestaltung des Bildungssystems.

Grundsätzlich erfüllt das Bildungssystem in einer kapitalistischen Gesellschaft immer zwei Funktionen: Zum einen dient es der Qualifikation der (künftigen) Arbeitskräfte und zum anderen der Legitimation und Reproduktion der sozialen Verhältnisse.

Die Qualifikationsfunktion besteht darin, möglichst optimal für den Arbeitsmarkt auszubilden. In den Bildungsreformen der Sechzigerjahre wurde das besonders deutlich, als wegen eines Mangels an AkademikerInnen Schul- und Hochschulsystem erheblich ausgebaut wurden, um ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte hervorbringen zu können. Damit genügend SchülerInnen und StudentInnen dieses System durchlaufen konnten, wurden entsprechende Förderungssysteme wie BAföG entwickelt, die erstmals breiten Bevölkerungsschichten den Zugang zu einer akademischen Ausbildung ermöglichten. Diese Förderung fand in dem Begriff der "Chancengleichheit" ihre ideologische Entsprechung.

Als der Bedarf an AkademikerInnen weitgehend gedeckt war, wurde der Ausbau der Hochschulen gestoppt. Dies zeigt, dass das Schlagwort vom "Recht auf Bildung" nur solange gilt, wie es den bildungspolitischen Zielen entspricht.

Nicht nur der Zugang zu den Hochschulen ist der nur scheinbaren Chancengleichheit unterworfen. Auch durch das dreigliedrige Schulsystem und die Notengebung wird Selektion ausgeübt - mit dem gleichen Ziel: Das Bildungssystem muss den Erfordernissen des Arbeitsmarkts entsprechend selektieren, da dort nicht nur gut ausgebildete AbsolventInnen nachgefragt werden, sondern auch viele "einfache" Arbeiten anfallen, die keine besondere Ausbildung benötigen.

Die Verteilung der Abschlüsse und Qualifikationen ist bestimmt durch die vorhandene soziale Reichtumsverteilung. Das Bildungssystem reproduziert diese in Erfüllung seiner zweiten Funktion, der Legitimation der bestehenden sozialen Verhältnisse. Hierbei ist zwar eine formale Durchlässigkeit von unten nach oben und umgekehrt gegeben, aber ArbeiterInnenkinder gelangen nur selten in hohe Positionen und ProfessorInnenkinder werden nur selten ArbeiterInnen.

Auch die aktuellen Bildungsreformen fügen sich in dieses Schema ein. Die Anforderungen an die Qualifizierung durch das Bildungssystem haben sich allerdings geändert. Die sozialstaatliche Regulierung des Ausbildungssektors soll durch eine Anpassung an Marktkräfte ersetzt werden. Gleichzeitig wird seine gesellschaftliche Finanzierung - zumindest im bisherigen Umfang - in Frage gestellt, da in den öffentlichen Haushalten andere Prioritäten gesetzt werden. Am weitesten fortgeschritten ist dieser Prozess im tertiären Bildungssektor. Kommunal finanzierte Volkshochschulen werden mehr und mehr durch profitorientierte Einrichtungen wie Sprachschulen ersetzt. Die Hochschulen werden durch Globalhaushalte und permanente Mittelkürzungen gezwungen, nach neuen Finanzierungsquellen Ausschau zu halten. Die traditionellen Drittmittel aus staatlicher Förderung reichen da schon lange nicht mehr. Ausgeweitete Werbeflächen in den Hochschulen und die Vermietung von Flächen an Geschäfte sind die Folge. Aber auch die Verteilungskämpfe innerhalb der Hochschulen sind schärfer geworden. Der Ruf nach Studiengebühren lag da nicht fern, um die Verantwortung für die Unterfinanzierung der Hochschulen auf die StudentInnen zu übertragen.

Einige Bundesländer wie Baden-Württemberg und Bayern haben schon die ersten Schritte getan. Mehrheitlich scheint der Trend momentan zu Studiengebühren für so genannte LangzeitstudentInnen zu gehen. Dieses ist aber womöglich nur der erste Schritt zu allgemeinen Studiengebühren. Der Finanzierungsaspekt dürfte für die Hochschulen eher gering sein. Vielmehr dienen gerade Langzeitstudiengebühren - das NRW-Modell der Studienkonten ist nur eine von vielen möglichen Ausgestaltungen - eher der Disziplinierung und reihen sich ein in Vorschläge wie die Reduzierung des Arbeitslosengeldes oder des Arbeitszwangs für SozialhilfeempfängerInnen. Wer innerhalb der vorgegebenen Zeiten seine Ausbildung nicht abschließt und sich nicht dem Arbeitsmarkt im Rahmen seiner/ihrer Ausbildung zur Verfügung stellt, wird bestraft. Die Berücksichtigung von biographischen Gründen (Kinder, Krankheit etc.) wird diese bestenfalls etwas sozial abfedern.

Die Umgestaltung der Organisation der Hochschulen durch eine starke Hierarchisierung und erweiterte Kompetenzen für Rektorate und Dekanate dient ebenso der Anpassung an "übliche" betriebliche Organisationsformen wie die Reduzierung der Einflussmöglichkeiten der nichtprofessoralen Gruppen. Leistungsabhängige Bezahlung von ProfessorInnen ist da nur eine konsequente Fortsetzung dieser Umstrukturierung. Die Individualisierung umfasst also alle Mitglieder der Hochschule. Die StudentInnen werden zum schnelleren Studium genötigt. Wer sich dem widersetzen will, hat es selbst zu verantworten. Die ProfessorInnen werden noch mehr als bisher schon um Finanzmittel, auch um das eigene Gehalt, rivalisieren. Der Mittelbau und die nichtwissenschaftlichen MitarbeiterInnen werden natürlich auch nicht verschont: Abbau der bisherigen Arbeitsplatzsicherheit und verschärfter Leistungsdruck drohen nicht nur, sie werden schon umgesetzt. Alleine in NRW werden im Rahmen des "Qualitätspakts" 2000 Stellen an den Hochschulen gestrichen. Die Hochschulen sollen letztendlich so weit wie möglich profitorientiert umstrukturiert werden.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Neudefinition des Studiums. Statt auf die Möglichkeit, sich Bildung anzueignen, wird deutlich auf die Ausbildungsfunktion Bezug genommen. Die StudentInnen sollen sich als KundInnen eines Unternehmens definieren. Sie würden für diese arbeitsmarktorientierte Ausbildung zahlen, um ihre Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt zu steigern. Bachelor- und Masterstudiengänge sind der Ausdruck dieser tiefgreifenden Reform, die eine stärkere Differenzierung unter den Abschlüssen - und damit der potenziellen Verwertung - als bisher ermöglichen soll. So weit wie benötigt, werden - meist wenige - Hochqualifizierte ausgebildet werden, während der Masse nur die Erlangung von Schlüsselqualifikationen (Bachelor) zugestanden wird. Die Entscheidung, wie weit diese Ausbildung führt, obliegt aber nur scheinbar dem/der einzelnen StudentIn. Letztlich wird ausreichend Kapital benötigt, um zu höheren Abschlüssen zu gelangen oder Weiterbildungsstudiengänge zu belegen (die Kostenpflichtigkeit letzterer wird gerade vom Expertenrat empfohlen).

Dass kritische Wissenschaft dabei auf der Strecke bleibt, ist abzusehen. Selbst die zurzeit existierenden Nischen werden dabei noch kleiner werden. Die Alternative Liste setzt sich für die Erhaltung und den weiteren Ausbau dieses für eine emanzipatorische Politik und egalitäre Gesellschaft unabdingbaren Teils der heutigen Wissenschaft ein.

Auch wenn ein umfassendes Recht auf Bildung unabhängig von Verwertungsinteressen erst in einer wirklich freien Gesellschaft verwirklicht werden kann, so ist doch jeder Schritt dahin ein Fortschritt und wird von der Alternativen Liste angestrebt.

Die Alternative Liste fordert neben dem Verbot von Studiengebühren auch eine allgemeine existenzsichernde Finanzierung des Studiums und die Demokratisierung der Hochschulen. Alle Menschen an den Hochschulen, egal ob StudentInnen, ProfessorInnen, wissenschaftliche oder so genannte nichtwissenschaftliche MitarbeiterInnen haben Anspruch auf die gleichen Rechte und sollen gleichermaßen in den Leitungs- und Entscheidungsgremien vertreten sein.

Bildung darf nicht Ausbildung für eine möglichst effiziente Ausbeutung sein, sondern es gibt ein Recht auf Bildung als Selbstzweck, bzw. für die Interessen der ganzen Gesellschaft.

Bernd Götting

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Netzseiten der Alternativen Liste, zuletzt aktualisiert am 18.03.2003. Kontakt: AL-Plenum@uni-koeln.de